Martin Hyun hat sich in dem Buch Lautlos - ja, sprachlos - nein mit der Situation von in Deutschland lebenden Menschen auseinandergesetzt, die eine biologische Verbindung zu Korea haben. Er selbst ist in Deutschland geboren. Beide Elternteile sind Koreaner. Er setzt sich aber nicht nur als Stimme dieser Gruppe, sondern ganz pauschal auch als die der adoptierten Koreaner und Halbkoreaner. Differenzierte Einzelbetrachtungen kommen leider zu kurz -- vielleicht sowieso ein viel zu großer Themenkomplex für ein einziges Buch.
Sein Buch ist Deutschland gegenüber sehr kritisch. Es soll ein Sachbuch sein, nehme ich an, ist aber eher eine Aneinderreihung Beiträge verschiedener Genres. Viele Texte sind autobiographisch, einige, gerade die ersten des Buches, polemische Abrechnungen mit Deutschland, aber auch mit Korea (obwohl diese viel schwächer und viel liebenswerter geschrieben scheinen), und in einigen Abschnitten kommen andere Menschen mit Stammbaumverbindung nach Korea zu Wort, die offensichtlich frei über irgendein Thema schreiben durften, sodass diese Beiträge zusammenhanglos im Buch stehen.
Es gibt durchaus gute Passagen in dem Buch, zum Beispiel den Teil, indem der massive Konkurrenzkampf unter deutsch-koreanischen Familien beschrieben wird. Über Fragen der Art, ob die eigene Tochter oder die der Familie Kim die beste Universität besucht, gehen schon einmal Freundschaften kaputt. Auch sind die Abschnitte über die Eltern interessant. Aber:
Hyuns Hauptkritikpunkt an der deutschen Gesellschaft ist die mangelnde Bereitschaft, Ausländer zu akzeptieren und zu integrieren und zu differenzieren, dass nicht alle Menschen, die "anders" aussehen, Ausländer oder Touristen sind, sondern sich eben auch komplett "deutsch" fühlen können, weil sie ihr gesamtes Leben hier gelebt haben. Weiterhin kritisiert er konkret, dass die "vorbildlich integrierten" Koreaner in der Integrationsdebatte ignoriert werden und sich niemand für ihre Belange, Probleme und Kultur interessiert.
Das größte Problem ist dabei leider, dass Hyun die "Deutschen" als homogene Gruppe kritisiert, im nächsten Atemzug allerdings behauptet bzw. klarzustellen versucht, dass die "Deutschen" gar keine homogene Gruppe mehr sind, sondern es eben auch Deutsch-Koreaner/Korea-Deutsche gibt. Andere Migrantengruppen kommen in seinem Buch leider kaum vor, außer die "Asiaten" und ein kurzer Schwenk zu Wladimir Kaminer mit seinem russischen Hintgrund. Im Grunde bedient Hyun sich dann ebenfalls des Gegensatzes zwischen "wir" und "euch", den er doch gern abgeschafft sehen würde. Ein vielseitiges Deutschland gibt es in seiner schwarz-weißen Welt genauso wenig wie in der Welt der "einheimischen Deutschen", die er kritisiert. Wir hier, ihr dort. Den Graben zwischen den zwei Welten vertieft diese Abgrenzung der Deutsch-Koreaner doch noch, anstatt zu einer Annäherung beizutragen.
Schade ist außerdem, dass er zwar fleißig alle möglichen Stereotypen aufzählt, die Koreanern und Asiaten generell in Deutschland zugetragen werden, sich selbst aber solcher Stereotypen bedient.
Die Deutschen lieben Koreaner oder Asiaten generell unter der Voraussetzung, dass man als Wok, Karaoke-Gerät, Auto oder ein anderes elektronisches Gerät auf die Welt kommt. Am besten nocht einem An- und Ausschalter, so dass sie alles unter Kontrolle haben.
Vorurteile anzuprangern ist eine Sache. Man sollte aber der eigenen Glaubhaftigkeit wegen nicht ein paar Seiten weiter ebenfalls Stereotypen heraufbeschwören.
Asia-Fetischisten, die ihre Wohnungen übertrieben mit asiatischen Möbeln und Buddha-Statuen einrichten oder Sinologie studieren, begegne ich immer mit großer Skepsis. Sie kommen mir irgendwie verdächtig vor. Bei den Frauen sind es meistens die, die sich ihre Achselhaare nicht rasieren und sich entsprechend der Mode der 70er Jahre kleiden, und bei den Männern die, die es auch sonst schwer haben, bei Frauen anzukommen. Sie bereiten sich auf eine Zukunft mit einer asiatischen 'Geisha'-Frau vor, notfalls auch aus dem Katalog.
Hyun entpuppt sich hier, sicher unfreiwillig, als sexistischer Chauvinist. Spätestens an dieser Stelle muss man das Buch eigentlich zuschlagen und sich der weiteren Lektüre verweigern. (Entweder man schreibt ein lustiges, meinetwegen auch polemisches Buch und entlarvt dabei Klischees auf beiden Seiten, oder man hat ein ernstes Anliegen. Dass Hyun beides vermischt, hilft seiner Sache nicht wirklich weiter.)
Es kommt aber noch schlimmer. Hyun beschwert sich darüber, dass Asiaten für Deutsche oft gleich aussehen und er als Chinese bezeichnet wird. Eigentlich will er erreichen, dass man asiatische Menschen in Deutschland differenzierter sieht. Deswegen ist umso unverständlicher, warum er dann selbst ständig Japan, China und Korea wie im obigen Zitat austauschbar verwendet, und sich selbst auch als Chinese bezeichnet. Die kritisierten Klischees reproduziert er somit am eigenen Körper. Wer sich darüber aufregt, zu oft die Frage zu hören, ob er Chinese sei, sollte sich und seine Clique koreanischer Jungs nicht als "drei Chinesen mit dem Kontrabass" bezeichnen, und seinen autoritären Vater nicht als "chinesische Mauer".
Das Buch macht mich ein bißchen wütend und gleichzeitig traurig. Auf der einen Seite weiß ich, dass ich nicht zu den Menschen gehöre, die er kritisiert, obwohl ich als "Deutsche" natürlich angesprochen bin. Vielleicht habe ich keine Vorstellung davon, für wie viele "Deutsche" ein anderes Aussehen Probleme bereitet. Ich kann mir vorstellen, dass es schmerzhaft ist, sich als "Deutscher" zu fühlen, diese Identität als Deutscher aber ständig hinterfragt zu bekommen. Ja, es ist schwierig, anders auszusehen als die Mehrheit der Menschen um einen herum, gerade wenn man sich "gleich" fühlt.
Jedoch regen sich in mir Zweifel, ob hier die Probleme nicht zu vereinfacht dargestellt werden. Deutsch oder Nicht-Deutsch. Als ob es eine "deutsche" Identität gäbe, die einfach so an der Stange hinge und nur noch an der Kasse bezahlt werden müsse. Außerdem: Identitäten sind komplexe Gebilde, und man muss schon anerkennen, dass die eigene Familiengeschichte mit koreanischen Eltern etwas komplexer ist und dadurch mehr Auseinandersetzung erfordert als beim Nachbarn, dessen Familie schon seit x-Generationen in Deutschland lebt. Denn gerade die persönliche Geschichte von Martin Hyun, von dem beide Elternteile Koreaner sind, zeigt doch sehr deutlich, dass Korea -- sei es das Essen, sei es die Mentalität seiner Eltern, seien es Informationen über Land und Kultur -- doch einen nicht zu kleinen Teil seines Lebens ausmachen und auf sein Denken Einfluss nehmen. Sollte man dieses Aufeinandertreffen zweier Kulturen im eigenen Ich nicht zu akzeptieren versuchen, anstatt darauf zu pochen, komplett "deutsch" zu sein?
Nicht dass mich jemand falsch versteht: In der deutschen Gesellschaft müssen sich auf jeden Fall grundlegende Dinge ändern, was den Umgang mit "Menschen mit Migrationshintergrund" betrifft. Keine Anfeindungen, keine Benachteiligungen, etc. Ich kann aber nicht wirklich viel Beschwerdepotenzial daran finden, wenn man oft folgende Fragen hört:
"Woher kommst du?"
"Krefeld!", antworte ich.
"Nein, machst du Scherze? Woher kommst du wirklich?", wird ungläubig nachgehakt.
"Kein Scherz." [...]
"Wirklich, ja? Woher kommen deine Eltern?", ist die nächste Frage.
"Meine Eltern kommen aus Korea!", antworte ich.
"Aus Nord- oder Südkorea?"
"Träumst du auf Koreanisch oder Deutsch?" und "Bist du Buddhist?" [sind weitere Fragen, die gestellt werden.]
Natürlich nervt der repetitive Charakter solcher Dialoge. Mir geht es hier genauso. Es kommen immer dieselben Fragen, und irgendwann spielt man automatisch ein Band ab. Aber... ist das nicht normal in so einer Situation? Deutschland ist eben keine USA, wo quasi jeder Mensch einen Migrationshintergrund hat, dessen man sich aktiv erinnert. (Was nicht heißen soll, dass eine Entwicklung dahin nicht wünschenswert ist.) Aber wenn man die USA schon als Vorbild inszeniert: Sind dort die Menschen nicht stolz, wenn sie von ihrem Hintergrund erzählen? Das verstehe ich auch nicht so richtig. Ist es nicht spannend, Teil zweier Kulturen zu sein, alle Schwierigkeiten mal beiseite gelassen? Ich stelle mir es einzigartig vor, am anderen Ende der Welt zu landen und von Familienmitgliedern am Flughafen abgeholt zu werden. (Für wen das nicht schön ist, der muss bei der Kritik mit seiner Familie anfangen.) Vielleicht ist das romantisch, und vielleicht habe ich mich schon viel zu sehr von Otto Normalbürger entfernt, dass ich Hyuns Kritik nicht richtig nachvollziehen kann.
Traurig stimmt mich, dass dieses Buch zwar eigentlich nötig ist, es aber hinter den Erwartungen zurückbleibt. Ich konnte mich bei der Lektüre des Eindrucks nicht erwehren, dass hinter dem Buch kein richtiges Konzept steht. Es wirkt einfach locker heruntergeschrieben, die einzelnen Episoden willkürlich aneinandergereiht. Auch die Sprache lässt zu wünschen übrig. Vielleicht hat sich deswegen kein besserer Verlag gefunden? Schade. Ein Thema, das Beachtung verdient, aber einfach nicht gut genug umgesetzt wurde.
Um mal zu einem Ende zu kommen: Dieses Thema betreffend bin ich gespannt, wie sich die Dinge mit dem neuen Gesundheitsminister Philipp Rösler entwickeln werden. Ein Vietnamese, der von deutschen Eltern adoptiert wurde, mit neun Monaten. Laut taz-Artikel fühle er sich als "deutscher Katholik". Dass das möglich ist, und dass man sich dazu seit dem 18. Lebensjahr in der FDP engagiert, ist das nicht zumindest ein kleines Hoffnungszeichen?!