Die Riesenkrake
Was bei mir immer funktioniert: Sagen, dass ich erstmal keine Beiträge schreiben werde, um genau dann doch welche zu schreiben.
Aber diesen hier hatte ich schon eine Weile geplant. Weil Jubiläen ja ein bißchen erinnert werden wollen in der Konstruktion eines Narrativs. Und das Narrativ, um das es hier geht, ist: Wie bin ich eigentlich nach Korea gekommen?
Ich könnte mir eine schöne Heldengeschichte à la américaine ausdenken. Wie mich schon als Kind koreanische Fäkalienmärchen fasziniert haben oder der koreanische Kommilitone meines Vaters immer leckeres Kimchi mitgebracht hat oder der Kollege meines Großonkels, der in den 1980er Jahren Korea beim Aufbau geholfen hat, nach seiner Rückkehr begeistert von Korea schwärmte. So ist es aber nicht. Denn erstens müsste man dann in diesem Absatz "Korea" und "koreanisch" mit "Nordkorea" und "nordkoreanisch" ersetzen, weil eben historisch bedingt der Austausch mit meinem nunmehr angegliederten nichtexistenten Heimatstaat eher mit Nordkorea stattgefunden hätte. Und zweitens, weil es einfach keine Vorgeschichte gibt.
Ich bin, wie viele Europäer, die man in Seoul so trifft, ein bißchen aus Zufall nach Korea gekommen. Natürlich war da die Lust und Neugier auf ein unbekanntes Land, auch ein bißchen Abenteuerlust und Risikobereitschaft. Aber diese Eigenschaften waren alle eher auf den Kontinent Asien gerichtet als auf das Land Südkorea. Ich habe zum Beispiel auch erstmal auf gut Glück ein Semester Chinesisch gelernt. Dann hatte mein Institut auf einmal ein Austauschprogramm mit Seoul. Dann eben Seoul! Auf zwei Plätze gab es genau zwei Bewerber. Es fand sogar ein lustiges Gespräch mit dem Professor, der Anekdoten von seinen Koreaaufhalten erzählte, statt uns auszufragen und zu testen Auswahlgespräch statt. Wenigstens kann ich von mir behaupten, mich gezielt für Seoul beworben zu haben und nicht deshalb, weil es für Paris und London keine Plätze mehr gab. Keine besondere Geschichte also.
Ganz normal, wie viele andere Austauschstudenten auch, wusste ich damals ziemlich wenig über Korea. Ich hatte genau zwei Bücher gelesen: Das erste war ein zufällig ausgewählter Treffer im OPAC (elektronischer Katalog) der Staatsbibliothek München beim Stichwort Korea. Das war ein Buch aus dem Jahr 1987, das kritisierte, dass der südkoreanische Staat für den Bau von Stadien und dem olympischen Dorf Slums zerstörte und die Bewohner brutal umsiedelte. Meine heimliche Reaktion: Wieso kritisieren die das Land, für das ich mich entschieden habe, dort ein Jahr zu leben? Wollen die sagen, dass das gar kein gutes Land ist und unterminieren damit meine Entscheidung? Denn schon vom ersten Tag an musste ich verteidigen, warum ich denn nach Korea gehen will und nicht, zum Beispiel, nach Japan, wo die Forschung doch viel weiter sei, usw. Aber ist ja auch gut so, wer ein Stipendium will, muss schließlich immer einen ausschmückbaren Grund haben für genau diese Wahl. Die Informationen, die ich aus besagtem Buch von 1987 eruiert hatte, reichten dann auch, um ein gewisses Maß an Landeskenntnis vorzuweisen. Das zweite Buch war der Lonely Planet Korea von 2003. Der konnte mich aber nicht beirren, weiterhin darauf zu beharren, dass Seoul eine interessante Stadt mit schönen Ecken und Korea ein sehenswertes Land sei. Heute würde ich diesen Reiseführer empfehlen für anglophile Menschen, und für germanophile Menschen diesen. Ich hatte auch noch ein paar Bücher mit koreanischen Erzählungen ausgeliehen, aber bei keinem Buch schaffte ich es, über Seite zwei hinauszukommen. (Anmerkung: Das waren die Prä-Frankfurter-Buchmesse-2005-Gastland-Zeiten.)
Irgendwann im Februar 2005, noch bevor das Semester richtig zu Ende war, setzte ich mich zusammen mit der anderen auserwählten Austauschstudentin also ins Flugzeug. Meine Familie kümmerte sich dankenswerterweise um das Ausräumen & Streichen meines Münchner Dachgeschosszimmers, eine noch nicht geschriebene Hausarbeit flog als unsichtbares, aber so ziemlich schwerstes Gepäckstück mit, und dann kamen wir an und wurden abeholt von zwei Studenten, von denen einer vorige Woche geheiratet hat, wo ich zugegen war.
Wenn man nichts über ein Land weiß, können Klischees weder bestätigt noch widerlegt werden, also ging es los mit der Erkundung. Wir wohnten die ersten Nächte im Hotel, das zur Universität gehört, und mussten uns eigentlich um nichts kümmern. Das erste Essen war Bibimbap. Aus einem meiner zwei Bücher über Korea hatte ich erfahren, dass Koreaner es total eklig fänden, wenn alles Essen zusammengemischt auf einem Teller läge. Man bevorzuge die getrennte Zusichnahme der einzelnen Speisen. Aber -- wie soll man mit dieser Definition bitte Bibimbap verstehen, geschweige denn essen? Deswegen fiel uns auch nicht ein, das Gemüse mit dem Reis zu vermischen. Das wäre ja dann die potenzierte Ekelhaftigkeit gewesen.
Am nächsten Tag ging es los zu einem Deutschcamp mit den Germanistikstudenten der SNU. Die Gerüche in diesem Resort sind mir bis heute in mein Geruchsgedächtnis eingebrannt. Ich denke, es war eine Mischung von Desinfektionsmittel und Mottenpulver. Am Anfang habe ich diesen etwas penetranten Geruch überall wahrgenommen. Wahrscheinlich habe ich mich daran aber schon so gewöhnt, dass ich ihn nur noch ganz selten rieche. Dann freue ich mich immer und denke an die ersten Tage in Korea zurück. Ich werde auch nie vergessen, wie im Fahrstuhl immer eine Frauenstimme vom Band sagte, dass sich die Tür öffne oder schließe oder der Fahrstuhl sich nach oben oder nach unten bewegen würde. Erste Begegnung mit der auditiven Kultur.
In den fünf Jahren habe ich mir mehrere Metaphern für Korea ausgedacht. Mein Favorit ist die einer Riesenkrake. Kleine Kraken kann man ja ganz gut und mit viel Spaß essen. Große Kraken aber schnappen einen mit ihren Tentakeln und lassen nicht mehr los. Manchmal ist man näher am Krakenkopf dran, manchmal fühlt man sich relativ frei im weiten Meer. Loslassen wird die Krake aber nie.










































