7. Mai 2008

Zwangsschlafverordnung und Rhetorikkurse für alle!

Eine besondere Angewohnheit der Koreaner ist es, während des Seminars einzuschlafen.

Dies ist ein häufig beobachtetes Phänomen. Es gibt dabei mehrere Techniken. Manche Studenten fühlen sich ganz frei und versuchen gar nicht erst, ihre geistige Abwesenheit zu kaschieren. Andere hingegen täuschen vor, angestrengt über ihre Notizen gebeugt und den Stift in der Hand bereithaltend, zuzuhören, obwohl sie längst in anderen Welten weilen. Wieder andere, vor allem Studentinnen, nutzen ihre Haarpracht, die sie an der dem Professor zugewandten Seite tief ins Gesicht hängen lassen, um die geschlossenen Augen und den offen stehenden Mund zu verdecken. Einige besonders mutige Kommilitonen fangen sogar an, zu schnarchen. Erst an diesem Punkt macht sich in der Regel eine Reaktion bei den restlichen Seminarteilnehmern bemerkbar, nämlich verhaltenes Lachen. Der Professor ignoriert die Vorgänge natürlich komplett, es wäre nämlich unter seiner Würde, den Unterricht wegen einer Lappalie wie dieser zu unterbrechen.

Neulinge des Fachs "Besonderheiten koreanischer Mentalität" werden angesichts dieses Phänomens zu den unterschiedlichsten Reaktionen verleitet. Die meisten Kulturfremden sind empört oder beschämt, die wenigsten können darüber lachen. Zur Verteidigung der Koreaner muss man sagen, dass dreistündige Seminare, in denen der Professor, der die Existenz seines Publikum vergessen hat und noch nie einen Rhetorikkurs besucht hat, einen Monolog hält, nicht gerade dazu verleiten, gespannt zuzuhören und eifrig Notizen zu machen. (Es sie hier fairerweise angemerkt, dass nicht alle Seminare nach dem beschriebenen Muster ablaufen.) Zudem muss ich zugeben, dass ich selber schon einmal mit aller Willenskraft gegen eben jenen überwältigenden Schlafdrang ankämpfen musste, während dessen Angriffs man am liebsten einfach klein beigeben und den Kopf abknicken lassen will. (Da ich meistens nicht verstehe, was der Herr Professor sagt, ist für mich das Problem ein doppelt gelagertes: Langweiliger Vortrag UND absolute Unkenntnis des Themas.) Nur mit heimlicher Schmerzzufügung und unter Einwirkung des danach einsetzenden Schocks konnte ich der Versuchung entgehen, mich dem Unterrichtsgeschehen auf geistiger Ebene komplett zu entziehen.

In der Redaktionssitzung heute (ja, ich schreibe für das englischsprachige Magazin am Campus) ging es genau um diese Thema: Das Einschlafen im Unterricht. Deswegen konnte ich diesbezüglich zu passender Gelegenheit dringende Fragen loswerden, ohne Gefahr zu laufen, meinen Gesprächspartnern auf den Schlips (bzw. auf die Schleife an der Bluse) zu treten. Denn schließlich war es der Vorschlag der anderen Redakteure gewesen, das Thema kritisch zu beleuchten. (Ich bin die einzige Auländerin* im Team, wobei die meisten anderen Schreiber größtenteils im Ausland aufgewachsen sind.)

Meinen Kollegen zufolge sei die gängige Erklärung dafür, warum das Einschlafen allerseits geduldet werde, dass man annimmt, der in andere Welten entschwindende Kommilitone brauche den Schlaf dringend, weil er zu Hause nicht zum Schlafen kommt. Denn das Verlangen nach Schlaf ist schließlich ein Laster, das es zu überwinden gilt. (Schon Kinder werden darauf trainiert.) Die mir anderweitig zu Ohren gekommene Erklärung, dass das Entschlafen - das schließlich auch bei Professoren vorkommt, die Vorträgen anderer Professoren lauschen oder Prüfungen abnehmen - ein Ausdruck der geistigen Überlegenheit à la "weiß ich doch alles schon" ausdrückt, wurde eher erstaunt aufgefasst.

Erklärung hin oder her, das Vorschieben allgemeinen Schlafmangels der koreanischen Gesellschaft mag stimmen oder nicht: Das Schlafen während des Vortrags eines Mitmenschens ist schlicht und ergreifend unhöflich. Da dies aber in Korea ein ziemlich weit verbreitetes Phänomen ist, schlage ich folgende Maßnahmen zur Überwindung dieser Angewohnheit vor.

Erstens: Zwangsverordnung von Schlaf. Von ein Uhr nachts bis sieben Uhr morgens werden alle Handynetze, Internetverbindungen und Fernsehübertragungen abgeschalten, am besten sollte das ganze Land vom Stromnetz genommen werden. Denn dann weiß man hierzulande nicht mehr, was zu tun, und würde automatisch schlafen. Sechs Stunden Schlaf pro Tag sind zwar eigentlich immer noch nicht ausreichend, aber damit ist wenigstens ein Anfang gemacht. Bei Erfolg kann die Ausdehnung von Mitternacht bis acht Uhr morgens erfolgen.

Zweitens: Rhetorikkurse für alle, Professoren und Studenten gleichermaßen. Dreistündige Seminare (zur Erinnerung: Hier gibt es kein akademisches Viertel!) werden auf zwei Stunden verkürzt, der Professor intoniert seine Rede passend, lässt Kritik zu, und die Studenten lesen als Präsentation nicht einfach ihre Seminararbeit bei Tempo 120 km/h vor, sondern führen an ein Thema heran und lassen Raum für Diskussion.

Und schon wären alle glücklich.


* Ich hasse dieses überklingende Wort, weil es die Kluft zwischen den Kulturen nur noch zu vergrößern scheint, aber ich kann mich der Verwendung noch weniger entziehen, da es am einfachsten und kürzesten den Sonderstatus beschreibt, in dem man sich als Nicht-Koreaner zwangsweise wiederfindet.

8 kommentar(e):

Anonym hat gesagt…

In 90 min muss alles gesagt sein.

Mino hat gesagt…

Hahahahahaha!

Ich lach' mich tot!

Neben Handynetzen, dem Internet und Fernsehsendern muessten noch saemtliche Bier-, Soju- und sonstige Alkoholhaehne verplombt werden.^^

Jens-Olaf hat gesagt…

Ist das Thema fuer das englische Magazin auch online zugaenglich? Die Erfahrungen kann ich nur bestaetigen.
Um es nicht direkt zu sagen: Ich habe fuer meine Klassen kein schriftlich festgelegtes Wachbleibe-Gebot wie die amerikanischen und kanadischen Englischlehrer an meiner Schule.

Gitte hat gesagt…

@ Mino: Ich hatte mir das so vorgestellt, dass bei Stromabschaltung ja sowieso niemand in die Kneipen gehen kann. Wenn es nicht zur Stromabschaltung kommt, dann müsste es tatsächlich noch ein zusätzliches Ausschankverbot geben.

@ Jens-Olaf: Von dem Magazin gibt es keine Ausgabe. Ich bin mal gespannt, was so zusammenkommt. Eventuell berichte ich darüber.

Übrigens, heute im Seminar entschlief wieder eine Teilnehmerin. Eine Freundin erklärte mir, dass das wegen der Präsentation sei, die sie am Morgen gehalten hatte. Denn vor Präsentationen, Tests und Prüfungen wird generell die ganze Nacht durchgearbeitet, auch wenn man einfach eher hätte anfangen können... Wer die Nacht nicht durchmacht, hat nicht genug gelernt, so einfach ist das.

Jens-Olaf hat gesagt…

Ja, auch das: Es gibt Zyklen, zuletzt eine Steigerung vor den "Midterms" im April. Manche Schueler sind Sekunden! nach einer Antwort in eine Art Stand-by-Modus entschwunden. Es hat keinen Zweck in so einem Zustand zu lernen. Regeln helfen da auch nicht mehr.

Birke hat gesagt…

Ich mache meinen Sprachunterricht ganz sicher nicht wie dein Professor, sondern viele Übungen zwischendurch, natürlich auch in Gruppen- und Partnerarbeit. Wie sich das eben gehört. Und es handelt sich auch um Lehrmaterialien und -methoden, die ich in anderen Gruppen schon durchaus mit Erfolg eingesetzt habe. Und trotzdem habe auch ich unter meinen Deutschstudenten immer einige, die regelmäßig mit dem Schlaf kämpfen. Es hat sich noch keiner getraut, wirklich einzuschlafen. Aber ziemlich unkonzentriert sind einige.

Interessant fand ich deine Bemerkung, dass es für den Professor unter seiner Würde sei, da was zu sagen. Ich habe auch irgendwie immer das Gefühl, dass meine Studenten keinerlei Verständnis dafür haben, dass ich das Thema überhaupt anspreche oder mich darüber aufrege.

Ich bin nicht kulturfremd - aber ich finde dieses Verhalten auch nicht lustig. Und im Gegenteil: mit den Jahren hier habe ich immer weniger Verständnis dafür. Jemand, der sich regelmäßig (!) nicht mal zwei oder drei Stunden konzentrieren kann, gehört eigentlich nicht an die Uni.

Prüfungen, Seminararbeiten und andere Hausaufgaben sind eine Erklärung. Die ausgiebigen Feiern und die allseits genossene Freiheit im ersten Studienjahr eine andere. Alter und Motivation vielleicht eine dritte. Denn bei den Studenten am Dolmetscherinstitut unserer Uni (also Graduate School) passiert es einfach nie, dass sie einschlafen. Obwohl sie viel mehr und viel schwierigere Hausaufgaben aufhaben - und deswegen auch oft ziemlich müde sind. Aber einschlafen - nein. Sie wissen einfach, warum sie da sind, und auch, dass durchaus die Möglichkeit besteht, dass sie Abschlussprüfung _nicht_ bestehen.

Denn an den Unis hier herrscht ja auch eine Art Konsumhaltung, anders kann ich es nicht bezeichnen. Die Studenten erwarten oft einfach, dass man sie durchbringt, ohne dass sie viel dazu tun. (Das hängt aber wahrscheinlich auch von der Uni und vom Fach ab.Ich will es nicht pauschalisieren.)

Das Durchmachen: diese Lernhaltung ist, wie du schreibst, auch eine Masche. Es gehört dazu, bis kurz vor der Prüfung zu lernen, wenn man zeigen will, dass man "fleißig" lernt. Unsere Studenten denken auch immer, wenn sie nur körperlich anwesend sind, dann haben sie schon ihre gute Note. Das geht wieder in Richtung: zeigen. Das Äußerliche ist wichtig.

Na ja, soviel für heute. Ein paar Gedanken von mir.

Jens-Olaf hat gesagt…

Birke, an meiner Schule haben die Englisch-Lehrer dafür zu sorgen, dass die Schüler bei Prüfungen mindestens 80 Prozent von 100 möglichen Punkten im Durchschnitt erreichen sollen. Bei meinem ersten Deutsch-Test haben meine Schüler 71 Prozent erreicht. Ich glaube, ich hab da ein Problem.

Gitte hat gesagt…

Birke -- ich finde, Verständnis einer fremden Kultur hat tatsächlich seine Grenzen. Schlafen im Unterricht zeugt von Disrespekt, genauso wie Drängeln in der U-Bahn und das Anrempeln fremder Leute auf der Straße. Ich habe selbst persönlich auch keine Lust mehr, alles mit "das ist halt in der koreanischen Kultur okay" zu relativieren. --
Ich studiere selbst auf Graduate Level und alles, wovon ich erzähle, passiert in 'Hauptseminaren'! Die Sprachkurse hier sind sicher auch anders strukturiert, und bei meinem kurzen frühmorgendlichen Japanisch-Intermezzo kamen zwar immer weniger Leute, die die kamen, waren allerdings voll dabei. -- Klar ist für meine Mitstudenten, dass sie den Abschluss schon kriegen werden. Reinkommen in so eine renommierte Uni ist alles - und dazu schwer genug. Das hat auch was mit der Konsumhaltung zu tun, die Du ansprichst. Wenn man für die Uni bezahlen muss, hat man natürlich auch ein Recht darauf, den Abschluss zu bekommen, und zwar bitteschön auch mit einer guten Note! Deswegen steckt man alle Energie in Tests und Prüfungen, um an die Wunsch-Schule und dann an die Wunsch-Uni zu kommen. -- Leider verabschiedet sich auch Deutschland langsam aber sich von dem genialen und einzigartigen Grundsatz, dass Bildung ein Grundrecht für alle ist. --
Vieles an der Uni ist tatsächlich nur Show. Es geht darum zu zeigen, dass man viel macht, präsent ist, sich reinhängt. Ich war letzte Woche über die Qualität der Präsentationen erschrocken. Präsentationen/Hausarbeiten werden hier nach einem strengen Muster verfasst, und wer die meisten Fußnoten hat, hat gewonnen. Das ist m. E. ein prä-moderner Ansatz! Scheinbar hängt es sehr vom Professor ab, für den einen strengt man sich mehr an als für den anderen.

Jens-Olaf -- eben, die Schule befindet sich ja auch im Kampf um einen guten Ruf, braucht gute Schüler, gute Ergebnisse. Da tritt zwangsläufig eine Noteninflation ein. Freunde berichteten mir, dass das die "Hochschulreife" (als diese große Examen im November) immer leichter würde und deswegen immer reiche Studenten aus Gangnam an die Top-Unis stürmten und das Niveau drücken. Ein andere Freund, ein Inder, erzählte mir, dass alle seine Landsmänner an der Korea University immer nur A+ als Note bekommen, er aber auch Bs, und er trotzdem viel besser Koreanisch spricht als er.
Wo bleibt da die Gerechtigkeit?

Danke für Eure interessanten Kommentare & Einblicke! Meine Antwort erfolgt mit Verspätung, weil ich auf Jeju weilte :-)