30. Mai 2009

Klassenfahrt

Ja ja, es gibt sie, "Klassenfahrten" an der Universität. Studienfahrt würde zu akademisch klingen. Die meisten meiner deutschen Kommilitonen hätten wahrscheinlich so gut wie null Bock, drei Tage ihres Privatlebens zu opfern für eine Reise mit Leuten, die zum größten Teil nicht wirklich ihre Freunde sind und wo Langeweile vorprogrammiert zu sein scheint.

Aber anders hier. Es ist zwar auch hier nicht jedermanns Sache, aber nach zwei Studienfahrten möchte ich das verknappte Fazit ziehen: Koreaner können Gruppen einfach besser. Zumindest die Studienfahrten sind sehr angenehm. Im Gespräch habe ich erfahren, dass in Graduiertenkollegs, vielleicht auch nur in unserem Institut, vielleicht auch nur an unserer Abteilung, eine besonders gute Gemeinschaft herrscht. Das läge daran, dass die Hierarchien vergleichsweise flach seien. Bei unserer Klassenfahrt war das so, dass der Einzelne sich, je nach Bedarf, zurücknehmen oder einbringen kann in einem Maße, das genau richtig erscheint. Keiner will eine Extrawurst, macht große Aufstände, meckert offen, oder geht anderen extrem auf die Nerven. Es gibt auch kaum Grüppchenbildung, keine "Coolen", die sich zu fein sind, um mit den "Uncoolen" zu reden. Wenn es Antipathien gibt, werden die kaum an der Oberfläche sichtbar. Gibt es ein Problem, wird sich auch nicht angekeift, sodass allen anderen die Laune verdorben wird. Konflikte werden eher verdeckt ausgetragen.

Hierarchien gehören natürlich trotzdem dazu. Die Bachelorstudenten stehen ganz unten, sie tragen kaum Verantwortung, müssen dafür aber brav alles mitmachen, dürfen sich kaum ausklinken (d.h., sie machen es einfach nicht), und verhalten sich generell unscheinbar. Dann kommen Masterstudenten und Doktoranden, die sich darum kümmern, dass bei den abendlichen Zusammenkünften Bier und Snacks bereitstehen und am Morgen alles wieder säuberlich aufgeräumt ist. Und ganz oben stehen die Professoren. Dieses Mal waren drei mit. Man merkt schon, dass sich die Studenten dem fügen, was sie sagen oder machen wollen, aber trotzdem sind sie nicht eingebildet, sondern sehr liebenswürdig und mischen sich unter die Studenten, wo es nur geht. Sie gehen vielleicht etwas früher ins Bett, aber das wars dann auch schon.

Die sozialen Gefüge zu beobachten ist spannend. Wenn der Professor beispielsweise um die Ecke kommt, dann fallen einigen Studenten die Stäbchen aus der Hand, sie springen halb auf, um sie zu grüßen. Andere sind da cooler. Am Abend werden dann gemeinsam Trinkspiele veranstaltet, das Verhältnis wirkt sehr persönlich. Dass man auf der einen Seite so unterwürfig sein kann, auf der anderen Seite aber fröhlich und frei mit Bier-Whisky-Gemisch mit dem Professor anstößt, ist für mich tatsächlich eine kleines Paradoxon. Aber vielleicht kann man das ganz einfach erklären. Alle Koreaner haben sich gegenüber ein Wir-Gefühl, ganz unabhängig von der Position. Deswegen das ständige Miteinander. Auf der anderen Seite gibt es dann aber noch die Hierarchie. Deswegen ein paar Extra-Rechte für die, die oben sind. Im Idealfall werden diese Rechte nicht ausgenutzt. Intimität und Autorität schließen sich nicht aus. Was für uns vielleicht eine "Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen" ist, gehört hier ganz normal zum Leben.

Auch ich bin natürlich Teil des sozialen Gefüges. Ich empfinde es als unangenehm, wenn zum Beispiel die jüngeren Studenten zögerlich an mich herantreten -- zu zweit natürlich, da hat man mehr Mut -- um sich vorzustellen und einen kurzen Plausch zu halten. Man kann ihnen die Aufgeregtheit ansehen. Dabei bin ich mir meiner höheren "Stellung" zwar irgendwie theoretisch bewusst, aber was bedeutet diese "Stellung" denn? Zufällig wurde ich eher geboren, bin jetzt schon weiter im Studium... und das soll jetzt genug sein, damit mich jemand fast auf der höchsten Höflichkeitsstufe anspricht? Für mich ist das noch sehr ungewohnt. Aber ich weiß, dass es am Anfang auch ungewohnt war, ältere Freundinnen nicht mit Namen, sondern mit "Onni" anzureden, und dass mich das mittlerweile auch kaum mehr stört. Es ist alles eine Gewöhnungssache.

Der einzige übrigens, der beim allabendlichen Trinken wirklich nicht nur ein Glas, sondern mehrere Glas über den Durst getrunken hat, war der Amerikaner. Aber bei ihm war es vielleicht Kalkül: Er ist neu, hat dadurch sofort sein wahres Gesicht gezeigt und Vertrauen bewiesen. Denn es haben sich einige Kommilitonen sofort liebevoll um ihn gekümmert, was gewissermaßen auch zusammenschweißt.

Nicht schlecht. Ich habe für den Vertrauensgewinn ein andere Strategie gewählt und meine Gitarre mitgenommen. Zum Glück hatte ich einige sehr populäre koreanische Lieder parat, denn wer denkt, dass Koreaner auch nur die allerbekanntesten Titel der westlichen Rock- und Popgeschichte kennen oder gar mitsingen können, der liegt völlig daneben. Ein paar Beatles-Songs gehen, aber über mehr als den Refrain kommt niemand hinaus. Und das bei so begeisterten Sängern! Jeder Koreaner kann auf Befehl mindestens ein Lied vortragen. Muss er auch -- bei Soju und geröstetem Tintenfisch gibt es genug Gelegenheiten dazu. Als Tipp kann ich da nur weitergeben: Am besten man legt sich ein kleines Repertoire an eingängigen deutschen Balladen an. Romantisch und mit viel Gefühl kommt viel besser an als ein fetziger Rocksong. Dann hat man alle Symphatien auf seiner Seite, und das schweißt zusammen.

1 kommentar(e):

southclock hat gesagt…

Offensichtlich bist du nun ganz im Mitte des Studenten-Lebens in Korea, was aber auch ein kleines Modell koreanischer Gesellschaft ist. Dass du dabie mit solchem scharfen Blick die Sache durchblickst, beeindruckt mich sehr. Ich lerne selber davon sehr vieles. Da ich nun heute in Korea angekommen bin, fühle ich mich etwas näher stehen an dem, was du in deinem Beitrag geschrieben hast.

Ich muss mich manchmal auch verwirren zwischen dem Wir-Gefühl (auch mit dem Professor) und der dennoch zu bewahrenden Autorität. Eine Gleichgewicht zu halten, ist nicht einfach.